05.09.2007 – Thüringer Allgemeine – Mühlhausen

Musik im Spannungsfeld

Preisträgerkonzert: Öffentlich aufgeführt wurden sechs von 28 eingereichten Kompositionen

Europaweit ausgeschrieben, hatte der Wettbewerb des 1. Jungen Deutschen Komponistenforums 28 Komponisten aus 13 Ländern angelockt; sechs von ihnen gewannen ihn und stellten am zweiten Abend im Christus_pavillon ihre Beiträge vor. es musizierte das Ensemble Marges, das sich vor zwei Jahren an der Weimarer Musikhochschule gegründet hatte.

Volkenroda (ter).
Beides war zu spüren – das Bestreben, unorthodoxe künstlerische Mittel einzusetzen, ebenso wie der Wille, die Hörer in reizvolle Kunstwelten eintachen zu lassen und sie mit zauberhaften Stimmungen zu konfrontieren. Künstlerisch war es getragen von jungen Musikern, die ihre Techniken richtig gut beherrschen unbd mit ganzem Herzen bei der Sache sind.
Zwischen Lyrisch bis Exalteirt bewegte sich Michael Jordans Duo für Altflöte und Klavier, das nicht zuletzt von den akustischen Eigenschaften des Raums profitierte. Einige Saiten des Klaviers waren speziell präpariert, was dem eh schon sehr transparent konzipierten Stück zu zusätzlichem Reiz verhalf.
Unvorstellbar, das folgende Stück in einem anderen Klangraum als diesem zu hören: von Maria Kallinpäa “Einige Kleinigkeiten für Flöte und Klavier”. Das dreigegliederte Werk – sehr langsam, lebhaft und schließlich im stil eines Scherzos – lud zum Träumen ein. der lange Nachhall der Klänge etwa im ersten Teil hatte etwas ungmein Beschaulich-Beruhigendes.
Von Peter Köszeghy stammt “Utopia” für Violine, Violoncello und Klavier, nach seiner Darstellung ein Spiel mit Assoziationen zu den Begriffen “Klang”, “Stille” und “Stadt”. Resolut beginnend, die Streicher eher als Rhythmus- denn als Melodieinstrumente einsetzend, wild-eruptiv, irgendwie tokkatenhaft – so begann es. Das vorherrschende Stilmittel: der rigide Abbruch jeglicher Innigkeit, kaum dass sie aufzukeimen begonnen hat. Unvermutet dann das zum Schluss nicht enden wollende Ausschwingen des Klavierklangs bei aufgehobener Dämpfung durchs rechte Pedal.
Ein ausgesprochen stimmungsvolles Spiel mit Klangfarben und Geräuschen bot der Beitrag der 1971 in China geborenen Leilei Tian: “Moult” für Flöte und Violoncello. Impressionistisch-traumhaft dieses stest gegenwärtige Gliassando, eine Art katzenhaftes Schleichen um eine gedachte Tonhöhe. Die von akustischen Reizen suggerierte mächrenhafte Szenerie war wohl mit geschlossenen Augen am tiefsten zu erleben und könnte eines der eindrucksvollsten Erlebnisse des Abends ermöglicht haben.
Die “Gesten” für Flöte Violine, Violoncello, Klavier und Gitarre von Benjamin Scheuer verzichteten nicht auf traditionell verstandene Schönheit etwa des Streicher- und Flötenklangs und waren dabei von gläserner kristallklar funkelnder Durchsichtigkeit. Klänge und Rhythmen verdichteten sich, ekstatische Geräusche fielen in die Stille ein und führten während der Generalpausen ihr schillerndes Eigenleben im Nachhall fort. Auch das also ein Werk, das das Gefühl des Hörers an der richtigen Stelle packte – niht zuletzt dank der tief lotenden Musikalität der ausgezeichneten Flötistin Elisavetha Birjukova.
Zum Schluss erklang Julian Lemkes “Transfigured?” für Fllöte, Violine, Violoncello, Klavier und Gitarre. “Verklärt”, “verwandelt” will der Titel sagen. Als ein “Spiel mit Rationalem und mit Impulsiv-Sinnlichem” möchte es der Komponist verstanden wissen. Das anspruchsvolle Stück als letzten Programmpunkt zu platzieren war wohl keine gute Entscheidung.
Erwartungsgemäßt bewegte sich das Konzert im Spannungsfeld zweier Gegensätze: Es bewies, dass Musik trotz Abkehr von Tonalität und traditionellen Formen ihre Hörer innerlich bewegen kann. Und es ließ die ungeliebte Frage auftauchen: Welchen Weg soll Kunst dann einschlagen, wenn bereits alle verfügbaren Tabus gebrochen sind? Ein gewisser Trost für alle Liebhaber avantgardistischer Musik: So weit sind wir ja noch nicht.