17.11.2006 – Thüringische Landeszeitung

Zum Nabel der Neuen Musik

Eine Entdeckung im Damenviertel

JENA – Für Entdeckungen waren die Konzerte im Atelier der Künstlerischen Abendschule (Sophienstr.) immer gut, aber das jüngste Kammerkonzert „Begegnung der Künste“ mit dem Ensemble Marges (Weimar) am Freitagabend bot Unvergleichliches. Denn was Sonitza Baharova (Violine), Elisa Birjukova (Flöte), Claudia Mendel (Klarinette) und Samuel T. Klemke (Gitarre) hier an neuester Kammermusik boten, rückte das Damenviertel in die Nähe von Zentren des Avantgardismus. Die Wände des Ateliers waren diesmal weiss geblieben, die Jubiläumsausstellung läuft eh im Haus auf der Mauer, und das war gut, um nicht abgelenkt zu werde.

Johannes Schlecht (geb. 1948) nannte sein Entree für Bassklarinette, Flöte, Geige und Zuspielband „Alles fliesst-unvollendent“; da wird versucht Momente festzuhalten, gewissermassen ein Buchstabieren des Seins, Bruchstücke von Vokabeln zu Wasserplätschern und Vogelruf. In Ko-Lho von Giacinto Scelsi für Flöte und Klarinette: fernöstliche Philosophie um die Mühen, einen Ton zu fassen.

„Beschwörungen“ (2004) für Gitarre von Peter Helmut Lang: Meditatives und Erinnerungen an Ibero-Folk-Elemente, übrigens Pflichtstück für den diesjährigen Anna-Amalia-Wettbewerb in Weimar. Der Libanese Elia el Koussa komponierte in seinem Trio für Altflöte, Gitarre und Geige (2006) Klangfetzen und Andeutungen verinnerlichter Modi; wenn man so will – Pointalismus in Musik.

Die Sonate für Klarinette von Tiberiu Olah ist so perfekt in ihrer dialogischen Struktur erst von der heutigen Musikergeneration überzeugend darstellbar. „Towar the sea“ (1981) des Japaners Toru Takemitsu für Altflöte und Gitarre zaubert Impressionen, Stimmungen und Atmosphärisches um das Notensymbol s-e-a von Nacht bis Cape Cod.

Geheimnisvoll

Den absoluten Höhepunkt all dessen, was man heut an Spieltechniken von Geräusch bis Ton darstellen kann, praktizierte Elisaveta Berjukova mit „Die Geburt des Basiliskus“ für Flöte allein, erst Tage zuvor von ihr in Leipzig uraufgeführt.

Ungewohntes kam so überzeugend rüber, dass es den Rahmen des bisher an dieser Stätte erlebten sprengte und sie zum Nabel der Neuen Musik machte. Und als Abschluss die geheimnisvoll verkehrte Welt von Klangbildung und Suche nach Motiven in „Esplorazione del bianco II“ für Gitarre, Geige, Flöte und Bassklarinette (1986 von Salvatore Sciarrino), wenn man so will, die strukturell andere Seite des Komponierens im Verhältnis zum Eingangsstück.

Fazit: Spezialisten in Sachen Neue Musik liessen den Abend zum Kunsterlebnis der ganz anderen Art werden.

Hans Lehmann