25.06.2006 – Die Rhein Pfalz

Ruhig, rasselnd und grausig schön

Neue Musik mit Ensemble Marges in Schifferstadt

von unserem Mitarbeiter Gerd Kowa

Nach dem mitreißenden Konzert des Ensembles Marges der Weimarer Musikhochschule hatte man den Eindruck, der Schifferstadter Club Ebene Eins könnte sich zu einem kleinen Zentrum für zeitgenössische Musik entwickeln. Die Musiker aus Italien, Argentinien, Chile, Russland, Bulgarien, Frankreich und Deutschland spielten neue und neueste Stücke italienischer und deutscher Komponisten. Selbst skeptische Musikfreunde waren von den Leistungen begeistert.

Im Breich der zeitgenössischen Musik gibt es gelegentlich Stücke, die anmuten wie Panzerspähwagen in der Wüste. Sie wirbeln ein bisschen Sand auf, in dem keine Blumen wachsen. Das war es dann. Beim letzten Stück der Schifferstadter Matinee, dem Einakter “Etwas ruhiger im Ausdruck” für Klavier, Geige, Cello, Flöte und Klarinette des im Jahr 2000 verstorbenen italienischen Neutöners Franco Donatoni, fühlte man sich ein wenig wie in einem Schlaflabor.

Meist ist zeitgenössische Musik aber eher aufregend, anregend und ansprechend wie eine Studie des 1986 verstorbenen Italieners Giacinto Scelsi, die von der Flötistin Elisavetha Birjukova und der Klarinettistin Claudia Mendel superfein und virtuos gespielt wurde. “Ko-Loh” heißt der Dialog. Er ließ erahnen, dass man Gedanken in Töne übersetzen kann, ohne Worte zu gebrauchen. Die Instrumente umgeistern einen Grundton, entfernen sich, möchten sich lösen und klammern sich an traditionelle Motive. Sie können nicht entkommen. Am Ende geben sie nach und einigen sich auf den Grundton. Wie ein Symbol unserer Zeit wirkt dieses Stück. Man möchte Neues, findet es nicht und resigniert: Einstimmig. Mutlos.

Dem 1935 geborenen Helmut Lachenmann gelang der Abschied, indem er Bömbchen warf. Die Heidelberger Cellistin Katharina Mittelstaedt spielte dessen Solostudie “Presson”, die sich von allen traditionellen Spielarten abwendet, mit einer faszinierenden Intensität. Die Pferdehaare kratzten und krächzten auf den Saiten. Man fühlte sich wie in einem Sägewerk. Das Celloholz musste harte Klopfzeichen erdulden. die Fingerkuppen der Cellisten rutschten nahezu unhörbar über die Saiten. Ganz wunderbar.

Bei seinem Soloflöten-Stück “Hermes” scheint sich Salvatore Sciarrino mit esoterisch behauchten Obertönen zu beschäftigen. Quinten und Quarten im Pianopianissimo werden ständig von lauten und schrillen Tonfolgen gestört. Der reine Klang entzieht sich dem Gezeter und entweicht in den Weltraum zu sphärischen Klängen.

An der Seite rasselnder Skelette in der Geisterstunde meinte man einem Aufruhr zu lauschen: in einem Stück Sciarrinos mit dem gitarristen Samuel Klemke, der Geigerin Antonia-Sophie Pechstaedt, der Klarinettistin und der Flötistin. Die hellen Stimmen wimmerten und jammerten. Es klapperte und stöhnte und die tiefe Bassklarinette fuhr wie ein höllisches Schwefelgezwerg ganz unverschämt obszön dazwischen. Eine Szene entstand. grausig schön und wie geschaffen für die Begleitmusik einer Hieronymus-Bosch-Ausstellung.

Sehr angenehm empfand man dagegen “Toward the Sea” für Altflöte und Gitarre des Japaners Toru Takemitsu, der das Stück im Auftrag von “Green Peace” anlässlich einer Demo gegen den Walfang in japanischen Gewässern schrieb. Die Pianistin Natasa Srdic und Diego Uzal, der Leiter des Ensembles Marges, kamen nur einmal zum Einsatz: In “Etwas ruhiger im Ausdruck” von Franco Donatoni. Der Titel löste, wie man ja schon weiß, sein Versprechen ein.