Presse

18.08.2008 – Thüringer Allgemeine

Perfektes Zusammenspiel

Beeindruckende Artistik-Vorstellung zu zeitgenössischer Musik zum Abschluss des Kulturfestivals

Eine Premiere war der Abschluss des siebten internationalen Kulturfestivals in Volkenroda: Im Tanz- und Artistiktheater “Art!stik-LABOR” präsentierte die “Compagnie Aquanaut” im Zusammenspiel mit dem Musikensemble “Marges” aus Weimar eine Artistik-Performance zu zeitgenössischer Musik.

Von Tobias Kleinsteuber

VOLKENRODA.
Zu der Musik für Kammerensemble, kreiert von sechs jungen und zeitgenössischen Komponisten, zeigten die internationalen Künstler der “Compagnie Aquanaut” Pantomime, Körpertheater, Tanz und Akrobatik auf eine ganz besondere Weise. Die Verbindung experimenteller Musik mit perfekter Körperbeherrschung und theatralischer Ausdrucksstärke schaffte dabei die Symbiose zwischen den scheinbar gegensätzlichen Elementen von Musik und szenischer Darstellung und verband diese zu einem harmonischen Ganzen.
Dabei stellten die pantomimischen Darbietungen, atemberaubende Artistik an Vertikaltuch und Ringtrapez sowie das Körpertheater der Akteure künstlerische Programmteile dar, die jeweils allein für sich schon meisterhaft hätten beeindrucken können.
Das galt ebenso für die musikalische Interpretation des “Ensemble Marges”. Das Zusammenspiel beider jedoch bot den Zuschauern ein unvergleichliches Gesamtkunstwerk, dessen Beschreibung selbst in den schillerndsten Farben dem Erlebten nur annähernd gerecht werden kann. Die Choreographien zur experimentellen Musik, die artistische Kunststücke in bis zu acht Metern Höhe, alles in tänzerische Bewegungsabläufe eingebettet, erzeugten atmosphärische, erzählende Bilder. Poesie des altäglichen Lebens wurde dabei auf die unkonventionelle Bühne gebracht. Wer es auf sich wirken ließ, dem offenbarten sich gefühlsstark wie humorvoll dargestellte Geschichten, die von Zwischenmenschlichkeit, Beziehungen und von Konflikten erzählten. aufeinander verlassen, fallen gelassen werden und fallen lassen, Erfolg, Versagen, Verzweiflung, Freude und Hoffnung in stetiger Konfrontation – all das bildeten in der ästhetischen Darstellung eine harmonische Gegensätzlichkeit, gleich einem rhetorischen Oxymoron, und verschmolz zu einer kunstvollen Sinneinheit. Der katalanische Choreograph Jordi L. Vidal, selbst einer der Akteure der “Compagnie Aquanaut”, verstand es meisterhaft, die zeitgenössischen Kompositionen mit den akrobatischen szenen derart in Einklang zu bringen, dass diese Premiere im Christus-Pavillon eine lebendige Verbindung von Musik, Theater, Tanz und Zirkus wurde. Dem Publikum an diesem Abend entlockte er einen nicht enden wollenden Applaus.

05.09.2007 – Thüringer Allgemeine – Mühlhausen

Musik im Spannungsfeld

Preisträgerkonzert: Öffentlich aufgeführt wurden sechs von 28 eingereichten Kompositionen

Europaweit ausgeschrieben, hatte der Wettbewerb des 1. Jungen Deutschen Komponistenforums 28 Komponisten aus 13 Ländern angelockt; sechs von ihnen gewannen ihn und stellten am zweiten Abend im Christus_pavillon ihre Beiträge vor. es musizierte das Ensemble Marges, das sich vor zwei Jahren an der Weimarer Musikhochschule gegründet hatte.

Volkenroda (ter).
Beides war zu spüren – das Bestreben, unorthodoxe künstlerische Mittel einzusetzen, ebenso wie der Wille, die Hörer in reizvolle Kunstwelten eintachen zu lassen und sie mit zauberhaften Stimmungen zu konfrontieren. Künstlerisch war es getragen von jungen Musikern, die ihre Techniken richtig gut beherrschen unbd mit ganzem Herzen bei der Sache sind.
Zwischen Lyrisch bis Exalteirt bewegte sich Michael Jordans Duo für Altflöte und Klavier, das nicht zuletzt von den akustischen Eigenschaften des Raums profitierte. Einige Saiten des Klaviers waren speziell präpariert, was dem eh schon sehr transparent konzipierten Stück zu zusätzlichem Reiz verhalf.
Unvorstellbar, das folgende Stück in einem anderen Klangraum als diesem zu hören: von Maria Kallinpäa “Einige Kleinigkeiten für Flöte und Klavier”. Das dreigegliederte Werk – sehr langsam, lebhaft und schließlich im stil eines Scherzos – lud zum Träumen ein. der lange Nachhall der Klänge etwa im ersten Teil hatte etwas ungmein Beschaulich-Beruhigendes.
Von Peter Köszeghy stammt “Utopia” für Violine, Violoncello und Klavier, nach seiner Darstellung ein Spiel mit Assoziationen zu den Begriffen “Klang”, “Stille” und “Stadt”. Resolut beginnend, die Streicher eher als Rhythmus- denn als Melodieinstrumente einsetzend, wild-eruptiv, irgendwie tokkatenhaft – so begann es. Das vorherrschende Stilmittel: der rigide Abbruch jeglicher Innigkeit, kaum dass sie aufzukeimen begonnen hat. Unvermutet dann das zum Schluss nicht enden wollende Ausschwingen des Klavierklangs bei aufgehobener Dämpfung durchs rechte Pedal.
Ein ausgesprochen stimmungsvolles Spiel mit Klangfarben und Geräuschen bot der Beitrag der 1971 in China geborenen Leilei Tian: “Moult” für Flöte und Violoncello. Impressionistisch-traumhaft dieses stest gegenwärtige Gliassando, eine Art katzenhaftes Schleichen um eine gedachte Tonhöhe. Die von akustischen Reizen suggerierte mächrenhafte Szenerie war wohl mit geschlossenen Augen am tiefsten zu erleben und könnte eines der eindrucksvollsten Erlebnisse des Abends ermöglicht haben.
Die “Gesten” für Flöte Violine, Violoncello, Klavier und Gitarre von Benjamin Scheuer verzichteten nicht auf traditionell verstandene Schönheit etwa des Streicher- und Flötenklangs und waren dabei von gläserner kristallklar funkelnder Durchsichtigkeit. Klänge und Rhythmen verdichteten sich, ekstatische Geräusche fielen in die Stille ein und führten während der Generalpausen ihr schillerndes Eigenleben im Nachhall fort. Auch das also ein Werk, das das Gefühl des Hörers an der richtigen Stelle packte – niht zuletzt dank der tief lotenden Musikalität der ausgezeichneten Flötistin Elisavetha Birjukova.
Zum Schluss erklang Julian Lemkes “Transfigured?” für Fllöte, Violine, Violoncello, Klavier und Gitarre. “Verklärt”, “verwandelt” will der Titel sagen. Als ein “Spiel mit Rationalem und mit Impulsiv-Sinnlichem” möchte es der Komponist verstanden wissen. Das anspruchsvolle Stück als letzten Programmpunkt zu platzieren war wohl keine gute Entscheidung.
Erwartungsgemäßt bewegte sich das Konzert im Spannungsfeld zweier Gegensätze: Es bewies, dass Musik trotz Abkehr von Tonalität und traditionellen Formen ihre Hörer innerlich bewegen kann. Und es ließ die ungeliebte Frage auftauchen: Welchen Weg soll Kunst dann einschlagen, wenn bereits alle verfügbaren Tabus gebrochen sind? Ein gewisser Trost für alle Liebhaber avantgardistischer Musik: So weit sind wir ja noch nicht.

17.11.2006 – Thüringische Landeszeitung

Zum Nabel der Neuen Musik

Eine Entdeckung im Damenviertel

JENA – Für Entdeckungen waren die Konzerte im Atelier der Künstlerischen Abendschule (Sophienstr.) immer gut, aber das jüngste Kammerkonzert „Begegnung der Künste“ mit dem Ensemble Marges (Weimar) am Freitagabend bot Unvergleichliches. Denn was Sonitza Baharova (Violine), Elisa Birjukova (Flöte), Claudia Mendel (Klarinette) und Samuel T. Klemke (Gitarre) hier an neuester Kammermusik boten, rückte das Damenviertel in die Nähe von Zentren des Avantgardismus. Die Wände des Ateliers waren diesmal weiss geblieben, die Jubiläumsausstellung läuft eh im Haus auf der Mauer, und das war gut, um nicht abgelenkt zu werde.

Johannes Schlecht (geb. 1948) nannte sein Entree für Bassklarinette, Flöte, Geige und Zuspielband „Alles fliesst-unvollendent“; da wird versucht Momente festzuhalten, gewissermassen ein Buchstabieren des Seins, Bruchstücke von Vokabeln zu Wasserplätschern und Vogelruf. In Ko-Lho von Giacinto Scelsi für Flöte und Klarinette: fernöstliche Philosophie um die Mühen, einen Ton zu fassen.

„Beschwörungen“ (2004) für Gitarre von Peter Helmut Lang: Meditatives und Erinnerungen an Ibero-Folk-Elemente, übrigens Pflichtstück für den diesjährigen Anna-Amalia-Wettbewerb in Weimar. Der Libanese Elia el Koussa komponierte in seinem Trio für Altflöte, Gitarre und Geige (2006) Klangfetzen und Andeutungen verinnerlichter Modi; wenn man so will – Pointalismus in Musik.

Die Sonate für Klarinette von Tiberiu Olah ist so perfekt in ihrer dialogischen Struktur erst von der heutigen Musikergeneration überzeugend darstellbar. „Towar the sea“ (1981) des Japaners Toru Takemitsu für Altflöte und Gitarre zaubert Impressionen, Stimmungen und Atmosphärisches um das Notensymbol s-e-a von Nacht bis Cape Cod.

Geheimnisvoll

Den absoluten Höhepunkt all dessen, was man heut an Spieltechniken von Geräusch bis Ton darstellen kann, praktizierte Elisaveta Berjukova mit „Die Geburt des Basiliskus“ für Flöte allein, erst Tage zuvor von ihr in Leipzig uraufgeführt.

Ungewohntes kam so überzeugend rüber, dass es den Rahmen des bisher an dieser Stätte erlebten sprengte und sie zum Nabel der Neuen Musik machte. Und als Abschluss die geheimnisvoll verkehrte Welt von Klangbildung und Suche nach Motiven in „Esplorazione del bianco II“ für Gitarre, Geige, Flöte und Bassklarinette (1986 von Salvatore Sciarrino), wenn man so will, die strukturell andere Seite des Komponierens im Verhältnis zum Eingangsstück.

Fazit: Spezialisten in Sachen Neue Musik liessen den Abend zum Kunsterlebnis der ganz anderen Art werden.

Hans Lehmann

11.11.2006 – Thüringische Landeszeitung – Eisenacher Presse

Geschichten über Verwandlungen

Musik und Literatur in der Reuter-Villa

EISENACH – Es war nur ein kleiner, aber feinsinniger Kreis von Zuhörern, der sich zur Teestunde am 11. November in der Reuter-Villa einfand. Mit sphärischen, entrückten Klängen stimmte das Ensemble „Marges“ – zumeist Studierende der Musikhochschule Franz Liszt Weimar – die Lauschenden auf eine Lesung ein. „Marges“, das französische Wort für Randklänge, versucht den Brückenschlag zwischen Musik des 20. Jahrhunderts und jungen Kompositionen – an jenem Nachmittag gelang auch der Brückenschlag zur Literatur.

Frank Quilitzsch, TLZ-Lesern als Kulturredakteur bekannt, las aus seinem druckfrisch erschienenen Prosaband „Begegnung mit einer Prinzessin“ – Geschichten über die Metamorphosen der Liebe in ruhigen und unruhigen Zeiten. Dirk Rose, in Thüringen geboren und jetzt in München lebend, stellte seinen Lyrikband „Nach der Postmoderne“ vor – ein Debüt.

Beide Bücher erschienen in der Edition Muschelkalk im Wartburg-Verlag Weimar. Zum besinnlichen Nachmittag in Eisenach hatten der Verein Via nova zeitgenössische Musik, der Deutsche Komponistenverband Landesverband Thüringen und die Literarische Gesellschaft Thüringen eingeladen. Die Veranstaltung wurde von der Gema-Stiftung, der Paul Woitschach-Stiftung, dem Thüringer Kultusministerium und E.On Thürigner Energie unterstützt.

ep/rispe

25.06.2006 – Schifferstadter Tageblatt

Club Ebene Eins als Forum für zeitgenössische Musik

Sieben junge Künstler des Ensembles “Marges” präsentierten Neue Musik im Club Ebene Eins

“Eine Kulturgesellschaft muss den Mut haben, sich auch moderne Musik anzuhören,” forderte Horst Atteln vom Club Ebene Eins am Sonntag in seinen Einführungsworten zur Matinee des Ensembles “Marges” (dt. “Randgänge”). Wie der Name der international besetzten Gruppe andeutet, muss sich zeitgenössische Musik in deutschen Konzertsälen oft mit einer Randposition abfinden. Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts haben es schwer, sich Gehör zu verschaffen, obwohl oder gerade weil sie neue Wege am Rande des üblichen Spektrums erschließen und ungewohnte Klangerlebnisse schaffen. “Manches haben Sie so vielleicht noch nie gehhört, aber da müssen Sie durch,” prophezeite Horst Atteln den Zuhörern mit einem Augenzwinkern.

Doch wer an diesem Vormittag aufgeschlossen und mit offenen Ohren dabei war, musste keine Angst vor modernen Klängen haben – im Gegenteil. Die Studenten und Absolventen der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar bewiesen nicht nur großes technisches Können und die Fähigkeit zu differenziertem Spiel. Gleich zu Beginn überzeugten Elisavetha Birjukova (Querflöte) und Claudia Mendel (Klarinette) bei Giacinto Scelsis “Ko-Lho” (1966) mit viel Ausdruck und Einfühlungsvermögen. Die beiden Instrumente umspielen in diesem Stück fortlaufend das zweigestrichene E, bis sich die Stimmen treffen und in harmonischem Einklang enden. Der Titel des Stücks sowie die lyrisch-meditativen Klänge ließen ahnen, dass sich der italienische Dichter und Komponist Scelsi (1905-1988) mit fernöstlichem Gedankengut une exotischen bzw. esoterischen Ansätzen beschäftigt hat.

Es folgte “Esplorazione del bianco II” von Salvatore Sciarrino (geb. 1947 in Palermo) für Gitarre (Samuel Klemke), Geige (Antonia-Sophie Pechstaedt), Flöte (E. Birjukova) und Bassklarinette (C. Mendel). Dieses Werk erforscht wie der Name schon sagt “das Weiße”, Sinnbild für das Klangmaterial und die Ausschöpfung seiner äußersten Möglichkeiten. So sahen sich die Zuhörer konfrontiert mit einer wilden Fülle von ungewohnten Tönen und Geräuschen: Mal klang die Musik wie ein vorsichtiges Trippeln, mal wie ein Rauschen, ein anderes Mal erzeugte die Flöte ein regelrechtes Knurren wie das einer Raubkatze. Nicht von ungefähr kam da der Kommentar einer Zuhörerin: “Man fühlt sich wie im Zoo.”

Das nächste Stück “Hermes” (1984) für Solo-Flöte, ebenefalls von Sciarrino, ist Teil eines einstündigen Zyklus. Hier wechseln schwebend-atmosphärische Klänge immer wieder mit energiegeladenen Einzeltönen. Der Komponist selbst schreibt dazu in seiner Einleitung: “Mit mir lebt die Musik in einer Grenzzone. Wie die Träume, in denen eine Sache existiert und doch nicht existiert.”

Bei Helmut Lachenmanns “Pression” (1969) für Cello solo betrat erstmals die aus Schifferstadt stammende Katharina Mittelstaedt die Bühne. Sie präsentierte eines der ersten Werke, das ganz auf konventionelle Spieltechniken und Klangfarben verzichtete und damit zum Vorbild für andere Komponisten wurde. So strich die Cellistin den Bogen beispielsweise mit beiden Händen oder erzeugte kaum hörbare Töne alleine durch das Streichen der Saiten mit der Hand. Doppeltöne, das Klopfen und Reiben des Cellokörpers, das Streichen der Saiten unterhalb des Stegs und Schläge der Bogenstange auf die Saiten sorgten für weitere interessante Klangfarben.

Beim nächsten Programmpunkt handelte es sich um ein Auftragswerk, das der japanische Komponist Toru Takemitsu (1930-1996) im Jahre 1981 für Greenpeace schuf: ”Toward the Sea”. Altflöte und Gitarre entwickeln hier in drei Sätzen eine Harmonik aus dem zugrunde liegenden Motiv mit den Tönen S-E-A (engl. sea, dt. Meer). Den Abschluss bildete ein Werk von Franco Donatoni (1927-2000) für Klavier (Natasa Srdic), Geige, Cello, Flöte und Klarinette: ”Etwas ruhiger im Ausdruck” (1967). Das Stück, das aus drei Teilen plus Coda besteht, brachte Donatoni zum ersten Mal internationale Aufmerksamkeit ein. Das sehr kurze Motiv der Violine wird hier von den anderen Instrumenten variiert, so z.B. von der Flöte oder einer Spiegelung des Motivs durch das Cello.

Die Zuhörer in der nicht ganz gefüllten Scheune waren sichtlich beeindruckt von den modernen Werken, die das Ensemble “Marges” unter Leitung von Diego Uzal sehr emotional und leidenschaftlich vortrug. “Die Atmosphäre dieser Werke hat mir gefallen,” befand Traudel Blanz. “Man wird offen für neue Klänge auch wenn diese Musik am Anfang unglaublich fremd wirkt”. Agathe Ruge begeisterte sich für “die Lautmalerei und die spannenden Entwicklungen, die einige dieser Stücke nehmen.” -dom

25.06.2006 – Die Rhein Pfalz

Ruhig, rasselnd und grausig schön

Neue Musik mit Ensemble Marges in Schifferstadt

von unserem Mitarbeiter Gerd Kowa

Nach dem mitreißenden Konzert des Ensembles Marges der Weimarer Musikhochschule hatte man den Eindruck, der Schifferstadter Club Ebene Eins könnte sich zu einem kleinen Zentrum für zeitgenössische Musik entwickeln. Die Musiker aus Italien, Argentinien, Chile, Russland, Bulgarien, Frankreich und Deutschland spielten neue und neueste Stücke italienischer und deutscher Komponisten. Selbst skeptische Musikfreunde waren von den Leistungen begeistert.

Im Breich der zeitgenössischen Musik gibt es gelegentlich Stücke, die anmuten wie Panzerspähwagen in der Wüste. Sie wirbeln ein bisschen Sand auf, in dem keine Blumen wachsen. Das war es dann. Beim letzten Stück der Schifferstadter Matinee, dem Einakter “Etwas ruhiger im Ausdruck” für Klavier, Geige, Cello, Flöte und Klarinette des im Jahr 2000 verstorbenen italienischen Neutöners Franco Donatoni, fühlte man sich ein wenig wie in einem Schlaflabor.

Meist ist zeitgenössische Musik aber eher aufregend, anregend und ansprechend wie eine Studie des 1986 verstorbenen Italieners Giacinto Scelsi, die von der Flötistin Elisavetha Birjukova und der Klarinettistin Claudia Mendel superfein und virtuos gespielt wurde. “Ko-Loh” heißt der Dialog. Er ließ erahnen, dass man Gedanken in Töne übersetzen kann, ohne Worte zu gebrauchen. Die Instrumente umgeistern einen Grundton, entfernen sich, möchten sich lösen und klammern sich an traditionelle Motive. Sie können nicht entkommen. Am Ende geben sie nach und einigen sich auf den Grundton. Wie ein Symbol unserer Zeit wirkt dieses Stück. Man möchte Neues, findet es nicht und resigniert: Einstimmig. Mutlos.

Dem 1935 geborenen Helmut Lachenmann gelang der Abschied, indem er Bömbchen warf. Die Heidelberger Cellistin Katharina Mittelstaedt spielte dessen Solostudie “Presson”, die sich von allen traditionellen Spielarten abwendet, mit einer faszinierenden Intensität. Die Pferdehaare kratzten und krächzten auf den Saiten. Man fühlte sich wie in einem Sägewerk. Das Celloholz musste harte Klopfzeichen erdulden. die Fingerkuppen der Cellisten rutschten nahezu unhörbar über die Saiten. Ganz wunderbar.

Bei seinem Soloflöten-Stück “Hermes” scheint sich Salvatore Sciarrino mit esoterisch behauchten Obertönen zu beschäftigen. Quinten und Quarten im Pianopianissimo werden ständig von lauten und schrillen Tonfolgen gestört. Der reine Klang entzieht sich dem Gezeter und entweicht in den Weltraum zu sphärischen Klängen.

An der Seite rasselnder Skelette in der Geisterstunde meinte man einem Aufruhr zu lauschen: in einem Stück Sciarrinos mit dem gitarristen Samuel Klemke, der Geigerin Antonia-Sophie Pechstaedt, der Klarinettistin und der Flötistin. Die hellen Stimmen wimmerten und jammerten. Es klapperte und stöhnte und die tiefe Bassklarinette fuhr wie ein höllisches Schwefelgezwerg ganz unverschämt obszön dazwischen. Eine Szene entstand. grausig schön und wie geschaffen für die Begleitmusik einer Hieronymus-Bosch-Ausstellung.

Sehr angenehm empfand man dagegen “Toward the Sea” für Altflöte und Gitarre des Japaners Toru Takemitsu, der das Stück im Auftrag von “Green Peace” anlässlich einer Demo gegen den Walfang in japanischen Gewässern schrieb. Die Pianistin Natasa Srdic und Diego Uzal, der Leiter des Ensembles Marges, kamen nur einmal zum Einsatz: In “Etwas ruhiger im Ausdruck” von Franco Donatoni. Der Titel löste, wie man ja schon weiß, sein Versprechen ein.